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Neusiedls Koryphäen


Regionale Blaudruckware
Regionale Blaudruckware

Wer schon einmal als Tourist an einem grauen, kalten Tag im späten März in Neusiedl am See war, weiß, dass die Freizeitgestaltungsmöglichkeiten überschaubar sind. Und so kam es, dass ich nicht wie geplant am See in der Frühlingssonne saß, sondern durch die Stadt spazierte und mir die Auslagen an der Hauptstraße genauer ansah. Dabei stellte ich fest, dass ich vor einem sehr interessanten Betrieb gelandet war: Koryphäen. In dem 1995 gegründeten sozialökonomischen Betrieb finden erwerbslose Menschen aus der Region Beschäftigung und Unterstützung. Der Betrieb produziert typisch regionale Blaudruckwaren, Re Design-Produkte, Outdoor-Möbel und vieles mehr.

 

Neugierig geworden durch die ausgestellten Produkte und Informationen im Schaukasten, betrete ich den Laden und werde von zwei Verkäuferinnen freundlich begrüßt. Eine davon, die 59-jährige Katha, entpuppt sich zu meinem Glück als sehr auskunftswillig. Sie erzählt, dass sie wegen ihrer Kinder vor zwei Jahren von Wien nach Neusiedl gezogen sei. Aufgrund ihres Alters hatte sie am Land Schwierigkeiten einen Job zu finden, der ihren Qualifikationen und Erfahrungen entspricht. In Wien war die gelernte Konditorin und Hand- und Fußpflegerin viele Jahre im Gastgewerbe tätig, was für sie gut gepasst hatte. Über die Arbeit bei den Koryphäen, die sie über das AMS bekommen hatte, sei sie dankbar. Es herrsche eine sehr gute und freundliche Arbeitsatmosphäre, berichtet sie, und das sei das Wichtigste. Allerdings ist dieser Job nur eine Übergangslösung. Ein halbes Jahr bis Jahr können etwa 30 Beschäftigte im Betrieb bleiben. Danach sollten sie einen neuen Job gefunden haben.

Katha erzählt von ihren bisherigen Jobs und Koryphäen
Katha erzählt von ihren bisherigen Jobs und Koryphäen

Ich erzähle Katha von meiner Idee und frage, ob sie sich dafür interessieren würde. Es stellt sich heraus, dass sie selbst schon daran gedacht hatte einen kleinen Kuchenbackservice anzubieten oder einen mobilen Hand- und Fußpflegedienst. Dafür bräuchte sie aber ein Auto und weitere Ressourcen, die sie sich nicht leisten könne. Außerdem müsse man ja auch erst einen Kundenstock aufbauen und das würde Zeit kosten. Wäre mein Angebot hier verfügbar und dieses sie beim Weg in die Selbstständigkeit unterstützen, würde sie es nutzen, meint sie.

 

Da ich noch gerne mehr über den Betrieb erfahren möchte, verweist Katha mich an die Geschäftsführerin, die im Haus ist. Als ich die Treppen nach oben gehe, stehe ich plötzlich mitten in einer Schneiderei. Die Geschäftsführerin Frau Steindl hört ihren Namen und kommt mir entgegen. Sichtlich überrumpelt bittet sie mich dennoch in ihr Büro. Sie warte gerade auf den Steuerberater, erzählt sie. Das Glück ist also erneut auf meiner Seite und so nutze ich die Zeit um ihr Fragen über Koryphäen zu stellen. Der Verein wurde von ihr 1995 gegründet und beschäftigte und begleitete über 19 Jahre lang ausschließlich Frauen. Seit ein paar Jahren sind nun auch Männer willkommen, die in der Werkstatt arbeiten und Möbel herstellen. Die Mehrheit der Beschäftigten, die über das AMS kommen, ist über 50 und seit Längerem auf Arbeitssuche, erzählt Frau Steidl. Trotz der Ausrichtung des Betriebs auf die Schneiderei und Werkstatt, probiere sie ständig neue Bereiche aus und versuche die Fähigkeiten der Beschäftigten bestmöglich zu nutzen. Die Erfolgsbilanz von Koryphäen ist eine gute: Etwa 70% der Frauen und Männer finden im Anschluss eine nachhaltige Anstellung.

 

Als ich der langjährigen Geschäftsführerin von meiner Idee berichte, ist sie zunächst skeptisch. Die Zielsetzung ist ihr unklar und sie stellt das Interesse von Organisationen wie dem AMS in Frage. Je länger wir darüber reden, welche Menschen ich im „i trau mi“-Haus zusammenbringen möchte und zu welchem Zweck, desto mehr scheint Frau Steindl einen Nutzen zu sehen. Sie stelle sich ein Kompetenzzentrum vor, in dem man Stärken zu einem Miniprofit machen könne und das wäre für die Leute eine lässige Sache. Ich freue mich über das ehrliche Feedback, kritisch wie positiv, und verabschiede mich von ihr.

 

Ein grauer Tag in Neusiedl hat mich also um einige Einsichten in Bezug auf meine Zielgruppe und das angedachte Angebot reicher gemacht, und das noch dazu völlig unerwartet. Was wohl alles an einem sonnigen Tag in Neusiedl passieren könnte 😊

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