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Lebenslust, ich komme!


Die Messe Wien hat heute und in den nächsten Tagen alles zu bieten, was das Seniorenherz begehrt. Zumindest vermeintlich. Unter dem Motto „Lebenslust“ versammeln sich Aussteller aller Art. Von Pensionistenklubs, Reiseveranstaltern und Modehäusern bis hin zu Krankenkassen, Versicherungen und Bestattern wird eine große Bandbreite an Themen und Anbietern abgedeckt. Grund genug um mich auf das Gelände zu wagen um zu erfahren, was der älteren Generation angeboten wird und was davon Anklang findet.

  

Schon am Weg von der U-Bahnstation Messe reihe ich mich in einen Zug von Menschen ein, die Richtung Eingang strömen. Eine Stunde nach der Eröffnung ist die Halle gut gefüllt. Ein Vortrag über Herzprobleme wird gerade gehalten, weiter hinten verlieren sich wenige Tanzpaare am „Dance Floor“. Dafür sind die Zuschauerreihen umso voller. Weitgehend Seniorinnen sind es, die gebannt den Tanzlehrer verfolgen, der immer wieder Zuschauerinnen animiert das Parkett zu betreten. Ich beginne ein Gespräch mit meiner Sitznachbarin, vermutlich Ende 60, und erfahre, dass auch sie mit ihrem Mann regelmäßig tanzen gehe. Aber Junge wären da keine dabei, die hätten einfach keine Ausdauer mehr. Auf meine Nachfrage erzählt mir die Dame, dass sie hier wäre um zu schauen, was es Neues gäbe. Allerdings würde sie sich diesmal hüten jemandem ihre Adresse oder Telefonnummer zu geben, sagt sie. Das letzte Mal hatte der Messebesuch mehrmalige Anrufe eines Reiseveranstalters nach sich gezogen und irgendwelche Gewinne, die in Wirklichkeit keine waren. 

 

Auf meiner Tour durch die Halle beobachte ich, dass neben den Reiseanbietern auch der Stand der Wiener Gebietskrankenkasse erstaunlich gefragt ist. Die Senioren stehen reihenweise Schlange um sich den Blutdruck und Blutzucker messen zu lassen. Vielleicht sorgen sie sich umso mehr um ihre Gesundheit, da sich das kulinarische Angebot vorwiegend um Leberkäse, Wurst und Bier zu drehen scheint.



Am Stand der Pensionistenklubs der Stadt Wien werde ich freundlich empfangen und man nimmt sich Zeit für meine Fragen. Ich möchte gerne wissen, wer das umfangreiche Angebot an Kursen, Ausflügen und sonstigen Veranstaltungen wahrnimmt und was unter den Senioren besonders gefragt ist. Die langjährige Mitarbeiterin der Organisation berichtet, dass die Klubs vorwiegend von älteren Seniorinnen in Anspruch genommen werden. Die jüngeren Pensionisten wären zwar sehr willkommen, müssten aber oft auf die Enkerl aufpassen und hätten daher keine Zeit. Ich erfahre außerdem, dass die Nachfrage nach Sprachkursen, sowie Tablet-Schulung gestiegen sei. Das Interesse an Ausflügen scheint hingegen in den letzten Jahren abzunehmen.

 

Mein nächster Programmpunkt ist die Modeschau. Die zahlreichen Sesselreihen sind wieder gut gefüllt, diesmal ist sogar der Männeranteil verhältnismäßig hoch. Drei blonde Damen führen ausführlich Pelze, Strickwaren und Hüte vor und werden dabei laufend von einer weiteren blonden Dame auf der Bühne kommentiert. Es erinnert sehr stark an eine Vorführung in TV-Shops. Ich versuche mir die anwesenden Zuschauerinnen in den auffälligen Pelzen und Hüten vorzustellen, es gelingt mir aber nicht.

 

Ich sehe mir ein paar weitere Stände an und komme dann zum letzten auf meiner Liste, der Rocking Community. Die Initiatorin dieses Netzwerkes für Pensionisten hatte ich bereits im Herbst vergangenen Jahres kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt hatte es noch gar keine Webseite gegeben. Umso erfreulicher war es zu sehen, dass das Team der Rocking Community ein paar Monate später nicht nur online vertreten ist, sondern auch schon auf einer Messe nach Mitgliedern Ausschau hält.

  

Nach ein paar Stunden als offensichtliche Außenseiterin unter den Senioren, freue ich mich die Messehalle hinter mir zu lassen. Ich gehe mit gemischten Gefühlen. Einerseits gab es Momente, an denen ich mich den älteren Generationen nahe gefühlt habe, wie etwa beim Zuschauen der Tänzer oder Models. Auf der anderen Seite hatte ich den Eindruck, dass man in diesem Alter nur mehr „bis zum Tode bespaßt wird“. Es scheint als wäre man als älterer Mensch vorwiegend als Konsument von Reisen, Gesundheitsprodukten und Pflegedienstleistungen interessant und nicht mehr als Person, die etwas zu bieten hat oder machen kann. Ob dabei so viel Lebenslust aufkommt? Ich bezweifle es…

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