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Die Pension und ich


Prof. Dr. Leopold Stieger bei Buchpräsentation
Prof. Dr. Leopold Stieger bei Buchpräsentation

Nach meinen kürzlichen Erlebnissen auf der Seniorenmesse Lebenslust, habe ich mich auch letzte Woche wieder auffällig unter älteres Publikum gemischt. Diesmal um einer Buchvorstellung im Thalia in der Landstraße Wien zu lauschen. Auf der Bühne stand Prof. Dr. Leopold Stieger um sein Buch „Freitätigkeit – Zwischen Beruf und Ruhestand“ zu präsentieren. Ich hatte schon im Herbst vergangenen Jahres sein erstes Buch „Pension – Lust oder Frust“ bei einem Vortrag kennengelernt, dieses im Anschluss gelesen und für interessant befunden.

 

Was also möchte Stieger, der sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit der Zeit rund um die Pensionierung beschäftigt, seinen Zuhörern oder Lesern mitgeben? Sein Aufhänger ist die Tatsache, dass die durchschnittliche Lebenserwartung alle 24 Stunden um 6 Stunden steigt. Das klingt zunächst gut, ist aber schwer greifbar. Daher versuche ich mich an einem Rechenbeispiel.     

 

Aktuell liegt meine Lebenserwartung bei 83 Jahren. Wenn ich 60 Jahre alt bin, also in 27 Jahren, sind 9.855 Tage bzw. 236.520 Stunden vergangen. In dieser Zeit habe ich 6 Stunden x 9.855 Tage dazugewonnen, also 59.130 Stunden oder 2.464 Tage. Das sind umgerechnet 6,7 Jahre. Ich habe also mit 60 Jahren eine realistische Chance 90 Jahre alt zu werden. Richtig?

 

Gut. Stieger zitiert gerne eine weitere Statistik zur steigenden Lebenserwartung: 1971 hatten wir in Österreich 54 Hundertjährige, 2017 waren es 1.371. Die Chance 100 Jahre alt zu werden steigt damit zwar, aber rechnen würde ich vorsichtshalber nicht damit. Abgesehen davon, gibt es – das ist meine Vermutung – wenig Menschen, die tatsächlich so alt werden wollen. Denn was tut man denn schon, wenn man die meisten Freude überlebt hat, gesundheitliche Probleme hat und nichts mehr im Leben hat, das man erreichen möchte oder worauf man sich freuen kann.

 

Genau darauf, nämlich auf eine bewusste, sinnstiftende Nutzung der Lebensjahre nach der Pensionierung, zielt Stieger ab. Mit „Freitätigkeit“ meint er die Zeit nach der Berufstätigkeit und vor dem eigentlichen Ruhestand, in der man frei entscheiden kann wie und in welchem Ausmaß man tätig sein möchte. Und das sollte man auch, denn wer sich in der Pension in die Hängematte legt und es sich nur mehr gut gehen lässt, der verliert nachweislich an Lebenszeit.

 

Das Bewusstsein dafür, die Zeit nach der Berufstätigkeit im Voraus zu planen um dann keinen Pensionsschock zu erleben, ist laut Stieger allerdings wenig verbreitet. Fragt man Menschen, die noch vor der Pensionierung stehen, hört man oft „ich mach‘ mir gar keine Sorgen, dass mir langweilig wird“. Ist dann die Pension da, wird oft erstmal ausgemistet, die Bibliothek und der Weinkeller sortiert und gereist. Auch fallen viele Pensionisten den „Könntest du nicht…?“-Anfragen der nahen Umgebung zum Opfer. Weil man ja eh Zeit hat, führt man dann die Enkel spazieren, geht mit den Hunden anderer Gassi und macht Besorgungen für Bekannte.

 

Wem das zu wenig ist und wer nicht in der Pension aufgrund wegbrechender Sozialkontakte und fehlenden Drucks im „schwarzen Loch“ versinken möchte, dem sei empfohlen sich auf diese Lebensphase vorzubereiten. Am besten schon einige Jahre vor der Pensionierung. In seinem Buch liefert Stieger eine Anleitung dazu. In einer Reihe von Übungen können Stärken, Bedürfnisse und Träume identifiziert werden, sowie die eigene Partnerschaft, Mythen rund ums Altern und der Sinn des Lebens reflektiert werden.

 

Wer also mit dem Sudokubuch durch ist, der findet hier weitaus spannendere Anregungen und Aufgaben, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt. Soviel traue ich mich zu sagen, ohne die Übungen selbst gemacht zu haben, also bis jetzt. Denn – je früher man sich mit den eigenen Potenzialen, Bedürfnissen und Träumen auseinandersetzt, desto mehr Zeit hat man, sein Leben so zu gestalten, wie man es selbst möchte. Das Leben fängt schließlich nicht erst in der Pension an…

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