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Netzwerken: Muss das sein?


In den letzten Wochen habe ich viel Zeit auf Veranstaltungen wie etwa dem 4Gamechanger Festival in Wien oder den Wirtschaftsgesprächen Millstatt verbracht. Derartige Events sind ein Freudenfest für Netzwerker, einer Spezies, der ich mich nicht zugehörig fühle. Obwohl mir die wichtigsten Disziplinen des Netzwerkens, das Smalltalken und Visitenkartentauschen, nach wie vor keinen Spaß machen, mache ich selbst munter dabei mit. Um dies zu begründen, muss ich etwas ausholen…

 

Für mich war Networking lange Zeit ein bestenfalls skeptisch beäugtes, überschätztes Phänomen der neuen Zeit, in der man mit hunderten Menschen auf Social Media „befreundet“ oder vernetzt sein konnte, ohne sich jemals gesehen zu haben. Reale Begegnungen und echte Kontakte waren mir immer schon lieber, allerdings nur mit Menschen, die ich schon kannte.

 

In dem Wissen, dass Netzwerkfähigkeiten zunehmend wichtiger zu werden schienen, ich aber keinerlei Begeisterung für die gezielte Anbahnung neuer Kontakte verspürte, besuchte ich vor vielen Jahren einen Kurs zum Thema „Netzwerken für Introvertierte“. Ganze drei Kollegen fanden sich zu dieser Weiterbildungsmaßnahme der Wirtschaftsuniversität Wien ein. Offenbar hatten die anderen Introvertierten keinen Bedarf daran, oder schlicht keinen Veränderungswunsch. Ein Umstand, der sich jedenfalls auf wissenschaftlichen Veranstaltungen leicht bestätigen ließ. Erinnern kann ich mich heute noch an Themen wie „from small talk to big talk“ und den äußerst sinnvollen Rat, sich vor Konferenzen Termine mit Professoren auszumachen, mit denen man gerne ins Gespräch gekommen wäre. Dafür hätte man allerdings im Vorfeld wissen müssen, welcher der unzähligen Wissenschaftler für einen selbst interessant werden könnte.

 

Das Wissen um die Wichtigkeit von Networking führte jedenfalls dazu, dass ich auf Veranstaltungen, vor allem beruflicher Art, irgendwann das Gefühl hatte, Menschen nicht mehr einfach so kennenzulernen zu können. Man konnte nicht nur das Programm genießen und Vorträgen lauschen, sondern man hatte einen Auftrag zu erfüllen: Man musste neue Leute kennenlernen – und zwar möglichst wichtige Personen, nicht irgendjemanden. Wichtig waren Personen, die auf der Bühne standen oder zu den „Größen“ der Community zählten und um die sich ständig Menschentrauben bildeten. Wie also schaffte man es, an diese Menschen heranzukommen? Man wartete auf einen günstigen Moment: Eine Schlage beim Buffett, ein längerer Weg bis zur Toilette oder ein orientierungsloser Rundumblick wurden da schon mal als „Window of opportunity“ genutzt um ins Gespräch zu kommen. Was dann folgte war meist unangenehm: Mit vollem Mund oder am Sprung irgendwohin wurden die Überrumpelten mit einer kurzen Selbstpräsentation überfallen. Das Ergebnis eines solchen Netzwerk-Angriffs war bestenfalls das Einverständnis des Angesprochenen ein Email schicken zu dürfen oder zu einem späteren Zeitpunkt eine derartige Attacke zu wiederholen.

 

Mittlerweile weiß ich, dass geübte Netzwerker nicht ganz so zielgerichtet vorgehen, aber nicht weniger strategisch. Profis setzen zunächst auf das „Sehen und Gesehen werden“. Anders als die meist unbeliebten „Adabeis“, zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie selbst etwas zu bieten haben, das andere interessiert: eine gute Position in einem großen Konzern, Verbindungen zu irgendjemandem oder vielleicht sogar Know-how. Der Besuch von Veranstaltungen erfolgt freilich nicht wahllos. Zunächst gibt es sogenannte „Pflichtevents“, die natürlich je nach Branche variieren. Danach folgen Events, die zwar wenig Netzwerk-Erfolge versprechen, dafür aber mit tollen Locations oder Programmpunkten aufwarten und die man „schon mittnehmen“ kann, „wenn sich’s ausgeht“. Der überwiegende Rest fällt unter „verzichtbare Veranstaltungen“. Gänzlich auszulassen sind jene Events, bei denen es schlecht aussehen könnte, gesehen zu werden. 

Dem netzwerkwilligen Publikum dient das offizielle Veranstaltungsprogramm hauptsächlich um entstandene Reisekosten abrechnen zu können, einen Tag außerhalb des Büros zu rechtfertigen und Gespräche beim Buffett besser einleiten zu können. Die meiste Zeit verbringen Netzwerker auf der Lauer: An Stehtischen oder mit einem Getränk in der Hand lassen sie ihren Blick meist unstet über die Menge schweifen. Solange, bis ein bekanntes Gesicht entdeckt wird. Dann nämlich beginnt das Rätselraten: Wer ist das? Wie heißt diese Person? Wo arbeitet sie? Kennen wir einander schon? Und wenn ja, von wo? Während das Hirn auf Hochtouren arbeitet, folgen schon die nächsten Fragen: Soll ich diese Person grüßen? Soll ich auf sie zugehen oder lieber stehen bleiben und warten? Waren wir sogar schon per Du?

 

Nach reiflicher Überlegung von ein paar Millisekunden folgt meist eine von zwei Handlungen: Man tut so als kenne man sich nicht und lässt den Blick weiterziehen. Sehr beliebt ist diese Alternative, wenn man sich partout nicht daran erinnern kann, wer der andere ist, gleichzeitig aber das Gefühl hat, dass man es wissen sollte. Hat es gar keinen Blickkontakt gegeben, ist dies eine einfache Möglichkeit sich unauffällig aus der Affäre zu ziehen.

 

Hat man sich hingehen für ein Zusammentreffen entschieden oder es unmissverständlichen Blickkontakt gegeben, setzt man sich in Richtung der Person in Bewegung und hofft auf das spontane Wiedererlangen des Gedächtnisses. Auf eine meist unverhältnismäßig überschwängliche Begrüßung folgen meist folgende Floskeln wie „Wie geht’s?“, „Wie läuft’s?“ oder wenn man weiß, ob man per Sie oder per Du ist, auch „Wie gefällt es dir hier?“  und „Seit wann bist du schon da?“. Sehr oft bleibt es bei einem kurzen Austausch von Belanglosigkeiten, dann zieht man weiter mit den Worten „Ah, der XY ist auch da. Ich sag ihm mal Hallo. Wir sehen uns später!“.

 

Nach langen, anstrengenden Tagen auf Konferenzen, Symposien oder sonstigen Events, bei denen ich einige neue Menschen gesehen, gehört oder kennengelernt habe, frage ich mich häufig, ob aus diesen Kontakten jemals etwas entstehen wird. Ob es Sinn macht, auf Veranstaltungen zu gehen, sich mit mehr oder weniger Unbekannten zu unterhalten, ein paar Visitenkarten auszutauschen und wieder nach Hause zu gehen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich dies vermutlich verneint. Ich kann mich sogar erinnern meinen Coach danach gefragt zu haben, ob Netzwerken ihrer Erfahrung nach wirklich so wichtig wäre. Ihre Antwort lautete sinngemäß „Wenn du etwas tust, wohinter du nicht stehst, lass es lieber sein. Es wird nichts dabei herauskommen sich auf Events zu quälen, obwohl man gerade keine Lust auf andere Menschen hat und sich nicht unterhalten möchte.“ Das klang damals und klingt heute noch plausibel, auch wenn es natürlich Ausnahmen von der Regel gibt. Manch einer geht unmotiviert außer Haus und erlebt dann doch einen schönen Tag oder Abend.

 

Abgesehen von dieser entspannenden Haltung, finde ich drei weitere Denkanstöße in Punkto Netzwerken hilfreich: Erstens haben wir alle ein Netzwerk, auf das wir zurückgreifen und das wir ausbauen können. Oft werden bestehende Kontakte weniger wertgeschätzt, weil sie ja schon „alt“ sind oder man sich in einer anderen sozialen Umgebung oder Lebensphase kennengelernt hat, als der aktuellen. Fakt ist, die meisten Menschen entwickeln sich weiter, wechseln ihre Arbeitsplätze, lernen neue Menschen kennen und irgendwann läuft man sich wieder über den Weg und entdeckt, dass man sich gegenseitig unterstützen kann. Es gibt also nicht so etwas wie „wichtige“ oder „weniger wichtige“ Kontakte. Jeder Mensch kann sich als wertvoller Kontakt herausstellen – früher oder später. Wichtig aus meiner Sicht ist es, authentisch bei der Auswahl der Menschen zu bleiben, denen man sich widmet. Sehr wahrscheinlich wird man sich immer überwinden müssen mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die vielleicht eine hohe Position oder hohen Einfluss innehaben, die man aber einfach nicht sympathisch findet.

 

Das bringt mich zu meinem nächsten Punkt. Netzwerke aufzubauen ist kein „To do“ auf der Tagesordnung, sondern braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Wie bei Freundschaften, ist es auch bei beruflichen Bekanntschaften wichtig, regelmäßig Interesse zu zeigen oder sich zu melden. Heutzutage gibt es dazu viele zeitsparende Möglichkeiten wie einen Beitrag auf Facebook zu liken oder zu teilen oder eine What’s app zu schicken. Natürlich ist eine Mail, ein Telefonat oder eine Verabredung zum Mittagessen noch viel geeigneter um sich am Laufenden zu halten oder Bekanntschaften zu pflegen.

 

Mein dritter und abschließender Denkanstoß zum Thema Netzwerken ist mein persönlicher Favorit. Wer nicht gerne auf neue Menschen zugeht und auf Veranstaltungen smalltalken möchte, der kann den Spieß auch umdrehen und dem Gedanken „Was zu dir gehört, kommt zu dir“ folgen. Das klingt zunächst womöglich nach einer Ausrede um nicht hinausgehen zu müssen, ist aber nicht weniger mit Arbeit verbunden. Es sollte nämlich nicht darauf hinauslaufen, alleine zu Hause herumzusitzen und auf wundersame Besucher zu warten. Sondern es geht darum, selbst die Person zu werden, die andere gerne kennenlernen möchten. Und das hat wiederum viel mit Sichtbarkeit zu tun, mit dem Kommunizieren der eigenen Fähigkeiten, Ideen oder Visionen in Form von Texten, Fotos und Videos auf Social Media Plattformen oder einer eigenen Webseite. Ob man also selbst auf andere zugeht, oder andere dazu animieren möchte auf einen zuzukommen – es steckt der gleiche Wunsch dahinter. Der Wunsch, sich mit Menschen zusammenzutun und sich gegenseitig bei den jeweiligen Vorhaben zu unterstützen. Das klingt doch gleich viel besser als „Netzwerken“.

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Kommentare: 1
  • #1

    Viktoria Izdebska (Montag, 06 August 2018 20:08)

    Liebe Nadine!
    Nachdem ich einige Artikel deines Blogs gelesen habe, finde ich, dass deine Einträge sehr besonders sind, weil sie unfassbar authentisch sind. Du hast aus deinem Blog ein Tagebuch gemacht, durch welches du deine Ansicht auf die Welt mit vielen Menschen teilen kannst. Ich lese deine Artikel sehr gerne und würde dich gerne so gut wie möglich dabei unterstützen, mit vielen Menschen deinen Blog zu teilen und ihre Ansicht auf viele Aspekte des Lebens durch deine Artikel positiv beeinflussten. Ich bin überzeugt, dass viele werdende selbständige junge Menschen deinen Blog auch lesen wollen und du ihnen damit helfen würdest, sich eine eigene Meinung zu Themen wie Netzwerken zu machen. Ich glaube dass du diese jungen Menschen sehr gut durch Instagram erreichen würdest. Auch wenn dein Blog möglicherweise Artikel beinhaltet, die werdende selbständige weniger interessieren, hast du durch deine Authentizität die besondere Fähigkeit andere zu inspirieren. Ich hoffe das Beste für deinen Blog und möchte dich sehr gerne dabei unterstützen.