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Petra Mühlbergers Fäden


Ohne mein Netzwerk hätte ich Petra Mühlberger vermutlich nicht kennengelernt, und das wäre schade gewesen. Die seit vielen Jahren in Wien lebende Mühlviertlerin hat nämlich nicht nur gute Ideen und schöne Produkte zu bieten, sondern bereichert mit ihrer offenen, authentischen und energievollen Art. Davon profitiert einerseits ihre Arbeitsumgebung in der Caritas Wien, in der Petra Teilzeit arbeitet, und andererseits die Mitarbeiter und Kunden ihres eigenen Geschäfts. „Feiner Faden“ nennt sich das von der jungen Frau gegründete Sozialunternehmen, das aus nachhaltigen Garnen Bekleidung, Accessoires und Schmuck herstellt. Bearbeitet werden die Fäden von Pensionistinnen, berufstätigen Frauen oder Frauen, die nach Struktur suchen.

 

An einem warmen Frühlingstag bei einem Soda Zitron im Café Hummel in Wien hatte ich die Möglichkeit die Sozialunternehmerin kennenzulernen und mich mit ihr über die Entstehung und Entwicklung von Feiner Faden zu unterhalten.

 

„Das Gefühl selbstständig sein zu wollen, hatte ich schon lange“, beginnt Petra ihre Unternehmensgeschichte, „ausschlaggebend war dann aber einer `30er Krise´“. Sie hatte viele Jahre an der Schnittstelle Soziales und Kunst gearbeitet und begeisterte sich schon lange für Handwerkskunst und Mode. In ihrem Umfeld beobachtet sie, wie einsam manche Menschen sind und wie sehr sie sich über ein Gespräch freuen, und sei es nur mit dem Briefträger. Es entsteht die Idee hochwertige traditionelle Mode-Produkte mit der Unterstützung von Menschen anzufertigen, die eine handwerkliche Aufgabe annehmen möchten und die Möglichkeit suchen das gemeinsam in einem Netzwerk zu tun.

 

Nach dem Motto „Jetzt oder nie“ beginnt Petra mit der Umsetzung. Sie entwirft einzelne Stücke und hält nach einem Arbeitsplatz in einem Co-Working Space Ausschau. Wichtige Kontakte fliegen ihr einfach zu, berichtet die Unternehmerin, die ihren Weg mit viel Energie beschreitet. Sie weiß, dass sie die Zeit zwischen Träumen und Umsetzung kurz halten muss, um dran zu bleiben. Bei der Strukturierung und dem Aufbau ihres Unternehmens bekommt Petra Unterstützung von ihrem Umfeld. Sowohl Familie und Freunde stehen hinter ihr und helfen mit, als auch eine Mentorin bei der Caritas unterstützt bei strategischen Entscheidungen und motiviert sie dazu weiterzumachen.

 

Nach über 3 Jahren stellt „Feiner Faden“ vielfältige Zwirnknöpfe her, die beispielsweise an Hemden zur Geltung kommen, die aber auch zu Schmuckstücken verarbeitet werden. Auch ein kleines Sortiment an Strickwaren wie Hauben und Pulswärmer wird produziert. Zur Überraschung von Petra sind es nicht nur PensionistInnen, die sich für die Tätigkeiten als StrickerIn oder ZwirnknöpflerIn interessieren, sondern vor allem jüngere, berufstätige Frauen, die eine sinnvolle Tätigkeit suchen, sich wirksam einbringen möchten oder auch nach schweren Krankheiten auf der Suche nach Neuorientierung sind. In zwei Mal im Monat stattfindenden Strick- und Knopfrunden wird den Mitarbeitenden das notwendige Wissen und Material mitgegeben, damit diese auch zu Hause an den Knöpfen oder Strickwaren weiterarbeiten können. Verkauft werden die Produkte auf Märkten, aber auch in kleinen Boutiquen in Wien und in einem eigenen Online Shop. 



Ich frage Petra nach den größten Herausforderungen, die sie in den letzten Jahren im Zusammenhang mit ihrem Unternehmen überwinden musste. „Das war für mich die Einkommenssteuererklärung“, antwortet sie lachend. Aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Beschäftigung von StrickerInnen und ZwirnknöpflerInnen  zu schaffen, war nicht einfach. Erst später lässt sich die junge Frau von einer professionellen Rechtsberatung helfen. „Es ist wichtig, Untersicherheiten auszumärzen“, sagt sie. Dafür muss man aber auch über den eigenen Schatten springen und nicht nur die kleinen Dinge angehen, sondern die großen – die, vor denen man Respekt hat.

© WeihnachtsQuartier
© WeihnachtsQuartier

Zahlreiche Erfolgserlebnisse helfen Petra dabei, ihren Weg fortzusetzen: Ein 6-seitiger Bericht im Servusmagazin etwa, dem auflagenstärksten Magazin in Österreich, die Teilnahme an der Vienna Fashion Week oder Stammkunden, die nur ihretwegen auf einen Markt kommen, auf dem sie ausstellt.

 

Zuletzt möchte ich von Petra wissen, was sie Menschen mitgeben kann, die sich bisher noch nicht getraut haben mit ihrer eigenen Idee durchzustarten. Hilfreich sei es, sich seine Vision aufzuzeichnen oder mit Mind Maps zu arbeiten, teilt die Unternehmerin ihre Erfahrung, denn dann spürt man, ob man die Energie dafür hat. Man sollte wissen, dass man sich auf einen steinigen Weg begibt: Die Aufbauphase dauert etwa drei Jahre, in denen man 12 Stunden am Tag arbeitet und trotzdem kaum etwas verdient, berichtet Petra.

© Bureau F
© Bureau F

Sinnvoll wäre es außerdem, Dinge auszulagern, die man selbst nicht kann und sich Unterstützung von Profis zu holen. Petra hat sich etwa bei ihrem Coperate Design für Werbematerialien oder dem Internetauftritt helfen lassen.  

 

Petra Mühlberger ist ein sehr gutes Beispiel für all jene, die zwar gerne die eigene Idee verwirklichen, aber nicht gleich das volle Risiko eines Selbstständigen eingehen möchten. Den eigenen Arbeitsplatz zu behalten und Stunden zu reduzieren, bietet die Möglichkeit erstmal etwas auszuprobieren, ohne den Druck zu haben davon leben zu müssen. Die erfordert aber auch viel Flexibilität von beiden Seiten. Zwei Jobs unter einen Hut zu kriegen sei nicht immer einfach, berichtet Petra. Zeitweise muss man auch Doppelbelastungen durchstehen können. Wichtig ist daher eine gute, vorausschauende Planung und Verständnis des Arbeitgebers etwa dafür, dass rund um die Weihnachtszeit Überstunden schwierig sind. Dieser Einsatz sollte sich natürlich auch früher oder später finanziell auszahlen, so die Unternehmerin: „Es ist zwar toll sich selbst zu verwirklichen und dabei einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erzielen, am Ende des Tages müssen Kosten und Erträge aber in Relation stehen.“

 

Mehr über Feiner Faden unter www.feinerfaden.at.

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