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Zeit für mich hab‘ ich (nicht)


Gestern stand ich mit einem Mittagssnack in einer langen Schlange an der Billa-Kassa, als der Mann vor mir, dessen Einkauf ebenfalls sehr überschaubar war, mir anbot: „Gehen Sie vor, ich bin Pensionist, ich habe Zeit.“ Kurz wollte ich entgegnen, dass ich ebenfalls Zeit hätte, stellte mich aber dann doch mit einem dankbaren Lächeln nach vorne.  

 

Keine Zeit zu haben ist so etwas wie eine Volkskrankheit geworden, die besonders bei jungen Menschen sehr stark ausgeprägt zu sein scheint. Im Stress zu sein, ständig auf Achse zu sein, von einem Termin zum nächsten hetzen, all das ist allgegenwärtig. Zumindest bis zum nächsten Urlaub, der nächsten Auszeit oder gar bis zur Pension. Aber auch dort hört es nicht auf. Es sind zwar dann nicht mehr dringende Projekte in der Arbeit, familiäre Verpflichtungen oder die Hausarbeit, die einen auf Trab halten, aber wir schaffen es auch in der Freizeit nicht wirklich „frei“ zu sein. Auch hier verfallen wir gerne in das altbekannte Muster und reihen Ausflüge, Feiern und liegengebliebene Aufgaben so aneinander, dass wir am Ende wieder keine Zeit haben. Auf der Strecke bleiben oft wir selbst, nämlich Zeit für die eigenen Gedanken, Träume oder Ideen. Die Möglichkeit, sich einfach hinzusetzen, in sich hineinzuhören und sich zu fragen worauf man gerade Lust hat, gibt es (fast) nicht. 

Photo by Roberto Nickson on Unsplash
Photo by Roberto Nickson on Unsplash

Wieso aber rennen wir ständig der Zeit hinterher? Und wieso kommen wir aus unserem selbstgebauten Hamsterrad so schwer heraus? Ich habe versucht dem Zeit-Dilemma auf den Grund zu gehen und bin auf folgende fünf Ursachen gestoßen:

  1. Sprichwörter oder Glaubenssätze wie „Wer rastet, der rostet“ oder gar „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“ sind in vielen von uns tief verwurzelt. Auch Gedanken wie „Solange ich noch jung/fit/gesund bin, muss ich dieses oder jenes machen“, führen dazu, dass wir uns selbst ständig antreiben. Wer sich Zeit für sich nimmt, ist demnach entweder faul, spirituell unterwegs oder ein Träumer.
  2. Zeit zu haben ist in manchen gesellschaftlichen Gruppen negativ behaftet: Zeit hat nur wer krank, arbeitslos oder in Pension ist. Zielstrebige, fleißige Menschen, die einen Job, Beziehung, Kinder usw. vereinbaren müssen, haben keine Zeit.
  3. Sich Zeit für sich selbst zu nehmen erscheint vielen Menschen egoistisch, da dies meist damit verbunden ist „Nein“ zu anderen zu sagen. Es fällt oft nicht leicht, eine Einladung von Freunden auszuschlagen oder dem Partner, Kindern oder Eltern eine Bitte abzuschlagen um Zeit für sich zu haben. Mit welchem Argument auch? „Ich muss dringend in die Badewanne!?“
  4. Wir nehmen uns zu viel vor. Da wir ständig hinterher sind mit der Hausarbeit, der Pflege des sozialen Netzwerkes, kulturellen Ereignissen, dem selbstgesteckten Sportplan, dem Lernen neuer Sprachen usw., packen wir alles was geht in unsere Freizeit und fühlen uns trotzdem schlecht, weil so wenig weitergegangen ist.
  5. Manch einer leidet unter der „fear of missing out“, also der Angst etwas zu verpassen. Besonders betroffen davon sind Menschen, die häufig soziale Medien konsumieren. Hier wird man ständig damit konfrontiert, welche tollen Dinge die anderen erleben und welche Feste, Märkte, Vernissagen, Konzerte usw. nicht versäumt werden sollten.

Was können wir also tun, um wieder wirklich freie Zeit zu haben? Zeit für uns selbst und unsere Träume? Man könnte beispielsweise einen von vielen Ratgebern zum Thema Selbstorganisation lesen und sich überlegen, welche Aufgaben man besser organisieren oder gar delegieren könnte. Man könnte die eigenen „Zeiträuber“ wie Fernsehen, Internet surfen oder stundenlanges Telefonieren identifizieren und weglassen. Man könnte versuchen Sport mit Freunden zu machen und mit der Familie auf eine Sprachreise fahren. All das mag vielleicht mit viel Disziplin zu etwas mehr Zeit für sich führen, aber meiner Erfahrung nach funktioniert das nicht sehr lange. 

 

Der einzige Schlüssel zu mehr Zeit für sich, ist die fixe Planung dieser Zeit. Wie das geht? Man schreibt sich einfach Termine in den Kalender. Ich blocke mir zum Beispiel Abende oder am Wochenende ganze Tage mit dem Kürzel „DMM“ („Date mit mir“). Das klingt zunächst vielleicht seltsam, erfüllt aber seinen Zweck. Wenn ich dann einen Blick in eine von Terminen und Verabredungen volle Woche werfe und diesen Block sehe, entspannt mich das. Ich weiß dann, dass ich eine fixe Verschnaufpause habe. Wie ich die so „gewonnene“ Zeit mit mir verbringe, überlege ich mir spontan. Es kommt auch gar nicht so sehr darauf an, was man in dieser Zeit macht – solange man dabei alleine ist. Ansonsten verkommt dieser Termin im Laufe der Zeit wieder zu einem „da habe ich nichts geplant und habe eigentlich Zeit, falls mich jemand fragen sollte“-Termin.

  

Natürlich ist so eine Verabredungen mit sich selbst – wie alle anderen Termine auch – nicht in Stein gemeißelt. Es kann vorkommen, dass man doch eine wichtige Veranstaltung hat oder arbeiten muss. Hier gilt das selbe wie für andere Termine: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Man sucht also einen neuen Platz für diese Verabredung und dann klappt es auch. Man muss es nur wollen. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Hubert Tikatsch (Mittwoch, 01 August 2018 15:42)

    Hallo Nadine!

    Ein sehr schöner Beitrag, dem ich nur zustimmen kann.

    Ich dachte ich meld mich mal hier um für etwas Bewegung zu sorgen, -also hier auf deine Blog. ;-)
    Bitte bleib dran und nimm auch du dir regelmäßig Zeit für dich. Vielleicht entstehen ja dadurch häufiger so gute Artikel.

    lg

    hubert