· 

Interview mit i trau mi-Gründerin Nadine Izdebski (Teil 1)

Interview geführt von Christian Klosz

 

Vor etwa zwei Jahren beginnt Nadine Izdebski sich mit einem der Megatrends unserer Zeit zu beschäftigen: der "Silver Society". Durch die steigende Lebenserwartung und verhältnismäßig geringe Geburtenraten, nimmt die Bevölkerungsgruppe der Älteren überproportional zu. Während Anfang der 1950er Jahre weniger als 16% der Österreicher 60 Jahre oder älter waren, werden es 2030 fast ein Drittel sein (Statistik Austria). Dadurch entstehen zahlreiche Herausforderungen, wie etwa die Finanzierung des Pensionssystems, die stärkere Belastung des Gesundheitssystems und ein Arbeitskräftemangel durch die anstehende Pensionierungswelle der Generation "Babyboomer". Stichworte wie Altersarmut und Vereinsamung im Alter fallen immer öfter in der Diskussion rund um die Überalterung unserer Gesellschaft.

 

Mit "i trau mi" möchte Nadine Izdebski Menschen in der dritten Lebensphase neue Möglichkeiten eröffnen. Neue Sozialkontakte, neue Aufgaben und Weiterentwicklung sollen Best Ager davor bewahren, nach der Pensionierung in ein Loch zu fallen. Ihr Rat ist es, sich schon vor der Pensionierung oder kurz danach um den Aufbau eines neuen Netzwerkes zu kümmern und sich neue Ziele zu stecken und spannende Aufgaben zu suchen. Nur durch aktives Gegensteuern und Selbstverantwortung kann man verhindern, dass man im hohen Alter alleine zu Hause sitzt und darauf wartet, dass jemand vorbei kommt, ist die Gründerin überzeugt. 

 

 

Nadine, wann bzw. wie kam dir die Idee zu „i trau mi“ ?

 

Die Idee zu „i trau mi“ ist in mir über einen längeren Zeitraum hinweg gereift und war rückblickend betrachtet das Ergebnis vieler Erlebnisse, Beobachtungen und Erkenntnisse. Eines dieser prägenden Erlebnisse war beispielsweise eine ältere Dame, die in der Wohnung nebenan gewohnt hat, die alleinstehend war und keinen Besuch bekam, abgesehen von der Haushälterin. Jedes Mal, wenn ich sie am Gang getroffen habe, hat sie mir von ihren Opern- und Konzertbesuchen erzählt, die sie Zeit ihres Lebens gemacht hatte. Sie hatte einfach das Bedürfnis, ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu teilen, aber es war niemand da, der es mit ihr geteilt hätte.

 

Daraus entstand irgendwann die Idee eines „Haus der Begegnung“ nach dem Modell eines Musiksalons, in dem Musikstudenten üben können und ältere Herrschaften zuhören kommen. Dann habe ich immer mehr Ältere kennengelernt und gesehen, dass sie in unserer Gesellschaft irgendwie ein schweres Los haben. Und meist beginnt das schon mit der Pensionierung. Ab diesem Zeitpunkt wird man relativ „unbedeutend“ für die Allgemeinheit. Die Enkel darf oder soll man sitten, ehrenamtlich tätig sein und als Konsument ist man natürlich auch gerne gesehen. Dass wir mit der Pensionierung von 68.000 Menschen pro Jahr den Erfahrungs- und Wissensschatz dieser Menschen einfach dahinziehen lassen und uns nicht mehr groß dafür interessieren, finde ich unglaublich.

 

Was ist dein Ziel bzw. deine Absicht, was sollen i trau mi-Mitglieder lernen bzw. mitnehmen?

 

Mein Ziel ist es, eine Anlaufstelle zu werden für all jene, die aus der Erwerbstätigkeit ausscheiden, ob vorzeitig oder mit regulärem Pensionsantritt, und für diese Menschen neue Möglichkeiten zu schaffen: Möglichkeiten, eigene Fähigkeiten weiterhin einzubringen, Potenziale zu entfalten, lang gehegte Ideen endlich umzusetzen und sich selbst ein Zusatzeinkommen zu schaffen. Dabei hilft eine Gemeinschaft, ein Netzwerk an offenen Best Agern, und wir als vermittelnde Plattform, die durch Inhalte und Angebote unterstützt. Man sucht sich selbst aus, wie, womit und mit wem man die dritte Lebensphase aktiv gestaltet. Selbstverantwortung und Selbstbestimmung stehen im Vordergrund.  

  

Bei i trau mi geht es ja auch darum, einen Beitrag gegen Altersarbeitslosigkeit und -armut zu leisten bzw. „älteren“ Menschen die Chance zu geben, ihre Talente einzusetzen, die am modernen Arbeitsmarkt oft nicht mehr gefragt sind. Warum ist das deiner Meinung nach so?

 

Das ist eine Frage, die nicht generell zu beantworten ist. Es gibt viele Gründe, warum ältere Menschen am Arbeitsmarkt aktuell nicht besonders gefragt sind. Häufig genannte Argumente sind die höheren Gehälter, häufigere Krankenstände, geringere Flexibilität und Lernbereitschaft, sowie ein nahendes Austreten durch die Pensionierung. Es kommt oft zu einem „Miss-Match“ zwischen dem, was ältere Arbeitssuchende tun möchten und zu welchen Bedingungen und dem, was Arbeitgeber anbieten können und wollen. Erfreulicherweise gibt es aber immer mehr Firmen, die die Erfahrung und das Wissen der „Best Ager“ oder „Silver Ager“ zu schätzen wissen und sich für einen langen Verbleib ihrer Mitarbeiter einsetzen.

 

Oft steht ja auch zur Diskussion, das Pensionsalter anzuheben: Einerseits werden wir immer älter, und die meisten Menschen sind noch bis ins hohe Alter fit und mobil. Andererseits ist die Arbeitswelt extrem im Umbruch, Stichwort Digitalisierung, flexible Arbeitszeiten, neue skills sind gefordert - womit sich ältere Menschen mitunter schwer tun. Was ist deine Meinung zu diesem Thema?

 

Meine Beobachtung zeigt ein sehr gemischtes Bild. Ich kenne Beispiele wie etwa eine 80-jährige Dame, die auf facebook mehrere Seiten betreibt und Coaching-Videos von sich postet und ich kenne Anfang-60-Jährige, die sich komplett aus der digitalen Welt raushalten. Während ich die Anpassung des Pensionsantrittsalter an die gestiegene Lebenserwartung für volkswirtschaftlich und gesellschaftlich richtig erachte, glaube ich nicht, dass dies für alle Sinn macht. Viele Menschen haben mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen, die man auf den ersten Blick nicht sieht. Die Belastbarkeit ist definitiv nicht mehr so gegeben und vor dem Hintergrund, dass es im Arbeitsleben in Zukunft noch herausfordernder werden wird, glaube ich, dass viele nicht bis Ende 60 arbeiten werden können. Zumindest nicht unter den Bedingungen, die heute oft an Arbeitnehmer gestellt werden. 

 

Teil 2 des Interviews erscheint kommende Woche.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0